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Hemihypästhesie, Schlaganfall oder RLS?

Ein 50 Jähriger Mann stellte sich im Juli 2018 vor. Manfred A. wurde zur weiteren Abklärung bei Taubheitsgefühlen der linksseitigen Extremitäten überwiesen. Bei ihm wurde der dringende Verdacht auf eine Hirndurchblutungsstörung geäußert (Hirninfarkt). Die mitgebrachte Schädeluntersuchung (MRT) zeigte leichte Hinweise für eine SAE (subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie /  Morbus Binswanger), was diese Annahme verdächtig machen könnte. Zusätzlich ist eine leichte Läsion im Bereich der Pons (Brücke) sichtbar.

Die subcortikale arteriosklerotische Enzephalopathie (SAE) ist eine durch Gefäßveränderungen (Arteriosklerose) verursache Hirnerkrankung, die nach dem Nervenarzt Otto Ludwig Binswanger (1852-1929) benannt wird. Es handelt sich bei diesem Krankheitsbild um Schädigungen vaskulärer Ursache in den subcortikalen Hirnregionen unterhalb der Großhirnrinde.

Herr Manfred A. berichtet von ständigen Taubheits- und Kribbelgefühle nur in den linksseitigen Extremitäten. Bereits morgens oder kurz danach im Büro muss er das linke Bein immer wieder bewegen, um eine zeitlich befristete Besserung erzielen zu können. Die Beschwerden kehren immer wieder nach erneuter Ruhephase von ca. 15 bis 60 Minuten zurück, so dass er sich erneut bewegen muss. Diese Beschwerden sind ihm bereits seit mindestens drei Jahren bekannt mit Zunahme der Häufigkeit und der Stärke in den letzten Wochen. Er ist der Meinung, dass er das Bein bewegen muss, um mehr Halt zu bekommen. Ansonsten würde er das Aufstellen des Beines für die ersten Sekunden als unangenehm empfinden. Das Umherlaufen hilft ihm seine Beschwerden zu lindern. Nachts nimmt er diese Beschwerden nicht wahr.
Er klagt zusätzlich über wiederholte Kopfschmerzen betont im Stirnbereich rechts. Der berufliche Stress nahm in den letzten Jahren bei deutlicher Arbeitsverdichtung zu. Er beschreibt seinen Zustand, als ob er unter „Strom“ stehen würde.

Der neurologische Befund zeigte keine Auffälligkeiten. Auch das abgeleitete EEG (Elektroenzephalogramm) bot keine Hinweise für eine Funktionsstörung des Gehirns. Die Ultraschalluntersuchung der Hals- und Kopfgefäße war ebenfalls unauffällig ohne Hinwiese für Gefäßauffälligkeiten. Lediglich bot der etwas erschöpft wirkende Patient Hinweise für Verspannungen und Druckschmerzen im Bereich der Halswirbelsäure.
Auffällig aus der Anamnese (Arzt-Patient-Gespräch) ist der zeitliche Zusammenhang zwischen den wahrgenommenen Missempfindungen der linksseitigen Extremitäten und den Ruhephasen – gegen morgens (noch im Bett) als auch während der Arbeit im Büro – bei seiner sitzenden Tätigkeit. Bemerkenswert ist die Besserung der phasenweise auftretenden Beschwerden (auch im Arm) unter Bewegung.
Alleine diese Hinweise leiteten die Verdachtsdiagnose RLS (restless legs Syndrom) ein. Das Syndrom der unruhigen Beine tritt in der Regel vorwiegend abends und nachts auf und führt zu Schlafstörungen, kann aber auch nur tagsüber in der Ruheposition wahrgenommen werden. Wenn der Schlaf ungestört bleibt, ist die Therapie nur tagsüber erwägenswert.

Nach einem Therapieversuch mit einer morgendlichen Gabe von Levodopa 200 Retard Tablette hatte der Betroffene keine Beschwerden mehr in den Extremitäten.
Dieses Medikament wurde ursprünglich zur Behandlung der Parkinsonschen Erkrankung entwickelt. Später zeigte L-Dopa ihre Wirksamkeit auch bei der RLS-Therapie.

Die Entscheidung für ein langwirksames Präparat in Retardform fiel einfach. Denn die Therapie soll möglichst für die gesamte Arbeitszeit (vorwiegend im Sitzen) wirken.
Unter diesem Therapieversuch stellte Herr Manfred A. eine eindeutige Besserung seiner Beschwerden fest, so dass die Diagnose „ein hemisymptomatisches RLS“ ihre Berechtigung hat.
Das zweite Problem des Patienten, der häufige Spanungskopfschmerz besserte sich nach einer ausführlichen Beratung über die psychosomatischen Zusammenhänge bei der Schmerzentwicklung (zum Beispiel unter den erlebten Stressbedingungen). Ihm wurde auch ein leichtes Antidepressivum zur Schmerzprophylaxe (Amitriptylin 10 mg Tablette) verschrieben. Er hat seine sportlichen Aktivitäten wieder aufgenommen.

Strategien zum Umgang mit stressigen Lebensphasen sind sehr hilfreich, um eine längerfristige Zufriedenheit und eine optimale Lebensgestaltung zu ermöglichen.

Die weiteren Untersuchungen zur weiteren Abklärung der asymptomatischen, unklaren radiologischen Hirnbefunde nehmen unabhängig von der RLS-Therapie ihren Lauf.

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