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Multiple Sklerose und der Weltuntergang – Verschwörungstheorien in der Medizin

Ob Politik oder Alltag – Verschwörungstheorien gibt es überall. Da ist von dunklen Mächten und Intrigen die Rede, der Weltuntergang wird beschworen, Illuminaten oder Freimaurer werden als Verantwortliche für finstere Machenschaften ausgemacht.
Auch gegenüber der Medizin gibt es solche Vorstellungen. Da ist von Machenschaften der pharmazeutischen Industrie oder dunklen Verbindungen zwischen Medizinern und Produzenten die Rede – ohne Indizien oder gar handfeste Beweise. Die werden laut Verschwörungstheoretiker natürlich nie ans Tageslicht kommen, weil die Akteure in ausgeklügelter Weise alles geheim halten. Vor allem bei Krebs, aber auch bei der MS-Behandlung wird solch seltsamen Spekulationen ein Nährboden geboten. Der ungewisse Verlauf der chronischen MS-Erkrankung und die sich dank intensiver Forschung rasant entwickelnden Therapieoptionen mit unterschiedlicher Risikobewertung tragen unverschuldet dazu bei.
So werden gerade heute immer Alternativmethoden als simple und effiziente Behandlung oder sogar zur Heilung propagiert. Dass die Datenlage nicht ausreicht, ist den Verschwörungstheoretikern gleichgültig. Stattdessen wird der Pharmaindustrie unterstellt, Therapiealternativen zu blockieren, um mehr Profit mit eigenen Präparaten zu erzielen. Ärzten wird vorgeworfen, mitzumachen und sich gegen die Interessen ihrer Patienten zu stellen. Zur Argumentation werden meist nur Bruchteile der Forschungssegmente isoliert herangezogen.
Beispielhaft ist die erbitterte Diskussion um die Heilkraft von Vitamin D3 (Sonnenhormon) auch in Kombination mit Colostrum (die interferonhaltige Erstmilch nach der Geburt des Kälbchens) bei der Behandlung der Multiplen Sklerosen. Bewährte Therapieoptionen sind plötzlich nicht mehr Interesse, andersdenkende Ärzte werden als „negativ beeinflusst“ oder gleich als „Mittäter“ gebrandmarkt. Ähnlich verhält es sich bei der Frage nach der behaupteten Methadonwirksamkeit in Verbindung mit Chemotherapie bei Tumoren. Wird eine solche Therapie vom Arzt abgelehnt, stecken natürlich dunkle Mächte dahinter.
Dabei ist das Verschreiben von Mitteln ohne gesicherte Forschungsergebnisse moralisch sehr bedenklich. Spätestens seit dem epidemischen Schaden unter dem zinnhaltigen Stalinon in Frankreich 1954 muss Ärzten bewusst bleiben, dass die Verordnung von Medikamenten empirisch gesichert und streng kontrolliert werden muss. Verschwörungstheorien können da großen Schaden anrichten. Einerseits werden Betroffene zu unkontrollierten Therapien verleitet, zweitens kann es dazu führen, dass Betroffene anerkannte und dauerhaft erprobte Behandlungsmethoden prinzipiell ablehnen – mit fatalen Folgen.

Kultur der Angewiesenheit“
Dem Arzt als Patient Vertrauen zu schenken, bedeutet nicht, passiv therapeutische Empfehlungen zu empfangen, sondern den stetigen Dialog mit Empathie seitens beider Partner. Wie Maio Giovane es formulierte, wird Medizinern eine „Kultur der Angewiesenheit“ abverlangt. Diese Angewiesenheit des Patienten beginnt mit der Verantwortungsübertragung. Der Betroffene ist der Hilfesuchende, der Arzt hat spätestens seit Hippokrates die Aufgabe, auf ihn einzugehen, ihn anzunehmen, wahrzunehmen, zu hören und ihm zu helfen. Dabei geht es nicht allein um das medizinisch Machbare. Wesentlich ist das Verständnis für den Menschen in seiner Selbstsorge und die Begleitung in allen Umständen. Der „chronisch Kranke“ braucht Hartmann zufolge den chronischen Arzt.

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